Interview mit Heidi Kühn (Beatmungstherapeutin)

Heidi Kühn ist seit 1986 Pflegekraft. Sie begann als Intensivkrankenschwester im Deutschen Herzzentrum und ist seit 12 Jahren als Atmungstherapeutin mit einer Sonderausbildung im Einsatz. Arne hat ihr ein paar Fragen gestellt. 

"Ich betreue alle Patienten, die beatmet werden bzw. alle, die Lungenprobleme haben, die an Beatmungsmaschinen auf der Intensivstation sind, sowie die über einen Tubus bzw. eine Trachealkanüle oder über eine Maske beatmet werden müssen."

Wie sieht deine Arbeit als Atmungstherapeutin genau aus? Sei so gut und schildere uns mögliche Abläufe.

Nehmen wir einmal folgendes Beispiel: Ein Patient wurde operiert und der Schlauch, über den er beatmet wurde, ist gezogen. 1-2 Stunden nach der OP klagt er darüber, schlecht Luft zu bekommen. An dieser Stelle kommen die Atmungstherapeuten ins Spiel und beraten, welche Maßnahmen zu treffen sind, um dem Patienten zu helfen. Hierzu werden auch Röntgenbilder oder Laborwerte hinzu gezogen. War der Patient starker Raucher, hat er möglicherweise COPD (chronische Bronchitis) oder Asthma. Dann müssen wir das in unserer Behandlung berücksichtigen und unsere nächsten Schritte planen.

Neben ihren Aufgaben als Atmungstherapeutin nimmt sich Heidi die Zeit, den Patienten auch in anderen Dingen zur Seite zu stehen.

Es gibt Zeiten, da verzichte ich auf meine Pause und nehme mir bewusst Zeit  um mit dem Patienten spazieren zu gehen, auch wenn es eigentlich nicht meine Aufgabe ist. Oder ich helfe ihnen dabei, die Haare zu waschen, wenn sonst niemand da ist, der diese Dinge machen könnte.

Bei dem Besuch schwerkranker Menschen fällt es mir nicht leicht, den richtigen Umgang zu finden. Ich stelle mir oft die Frage, was ich sagen und über welche Themen ich sprechen kann. Darf ich lachen oder sollte ich eher mein Mitleid ausdrücken? Heidi hat ihre eigene Art, über die ich mich schon am Anfang gewundert habe. 

Zuckerbrot und Peitsche sage ich nur. Wenn ich jemanden abtrainieren möchte, also ihn auf das selbständige Atmen hinführe, muss ich auch einmal hart sein. Ein Beispiel: Ich beschließe, dass ein Mukoviszidose-Patient 30 Minuten von der Beatmungsmaschine getrennt wird. Dann erlebe ich oft folgendes Phänomen: Die Patienten beobachten während dieser Zeit durchgehend die Uhr, und sobald die 30 Minuten um sind, werden sie panisch. Und das, obwohl sie eigentlich 1 Stunde lang ohne Beatmungsmaschine atmen könnten. Sie melden sich bei mir, weil sie meinen, keine Luft mehr zu bekommen. Das stimmt aber nicht.

Heidi Kühn bei der Übergabe von Spenden der Arne-Friedrich-Stiftung während der Corona-Krise 2020. 

Die Zeitvorgabe ist jedoch so tief verankert, dass sie denken, keine Luft mehr zu bekommen. In diesen Momenten muss ich hart sein, denn nur so helfe ich Ihnen dabei, diese Ängste zu minimieren. Wenn Sie nicht auch einmal kontrolliert gechallenged werden, würden sie Wochen länger auf den Stationen liegen. Ich muss da immer die richtige Balance finden. Manche Patienten fangen schon mal an zu weinen und sagen, dass kannst du mit mir nicht machen. Aber wenn ich jedes mal einknicken würde,  würde ich ihnen nicht helfen. Dafür bin ich im nächsten Moment jedoch wieder für sie da, nehme sie in den Arm und übernehme Aufgaben wie oben beschrieben, für die ich eigentlich nicht verantwortlich bin.

Inwieweit hat sich dein Alltag durch Corona verändert?

Wir alle mussten uns im Vorfeld auf Corona vorbereiten. Die gesamte Klinik wurde geschult, so dass sie im Notfall handeln kann. Corona-Patienten brauchen eine bestimmte  Beatmungsform. In speziellen Schulungen wurden wir  tagelang dahingehend ausgebildet. Das Intensivstationspersonal ist in diesem Bereich fit, doch die Anzahl an Intensivstationspflegern wird im Akutfall nicht ausreichen. Dabei wurde auch beachtet, welche Erkenntnisse in Italien, Spanien oder Frankreich gezogen wurden. Durch diese Schulungen kamen eine Menge Überstunden zustande.

Heidi, gibt es etwas, womit man euch eine Freude bereiten bzw. helfen kann?

Die Anerkennung der Menschen mit ihren Danksagungen und dem Klatschen auf dem Balkon ist eine tolle Geste, aber im Grunde ist uns damit nicht geholfen. Die Problematik liegt im System. Vorher hat sich niemand um uns geschert. Es hieß, wir brauchten nicht so viele Pflegekräfte und wir sparen am Personal. Es ist ein harter Job, den kaum jemand machen möchte, der aber so wichtig ist. Frühdienst, Spät- oder Nachtschicht und noch dazu sehr schlecht bezahlt. An dieser Stelle muss angesetzt werden. Der Beruf muss attraktiver gemacht werden. Denn es ist eine tolle Arbeit, für die man sicher ein Stück gemacht sein muss, die einem aber auch eine Menge gibt. Die Dankbarkeit der Patienten und ihrer Angehörigen ist ein großer Antrieb für mich. Ich bin noch Jahre später mit Patienten in Kontakt, und dieses Band, das da entstanden ist, hält ein Leben lang.